Geschichtliche Entwicklung der Gemeinde

Am Anfang des letzten Jahrhunderts nahm die Zahl der Katholiken im Berliner Norden rapide zu. Sie wuchs in fünfzig Jahren von etwa 3700 auf 50.000 Katholiken. Daher wurde es notwendig, das Pfarrgebiet von St. Sebastian, der Muttergemeinde des Berliner Nordens, aufzuteilen. Es entstanden die Tochterpfarreien St. Paulus in Moabit und St. Joseph in der Müllerstraße. Auch am Gesundbrunnen sollte eine Gemeinde gegründet werden. Für diesen Zweck erwarb man Gartenland mit zwei kleinen Häusern in der Bellermannstraße, wo 1905/06 ein Pfarrhaus mit 42 Mietwohnungen und 1907/08 die St.-Petrus-Kirche errichtet wurde. Auf Anordnung der Kaiserin Augusta – auch ‚Kirchenjuste’ genannt – mussten die katholischen Kirchen in die Häuserfronten eingefügt werden, damit sie nicht auffallen. Die Fassade der Kirche ist der Westfront des Klosters Chorin in neugotischer Backsteinweise nachempfunden.
Am 6.1.1908 wurde die Kirche benediziert, jedoch erst am 29.04.1934 durch Bischof Bares feierlich konsekriert.


Struktur und soziologische Aspekte der Gemeinde

Die St.-Petrus-Gemeinde liegt im nordöstlichen Teil von Wedding, grenzt an den Bezirk Pankow und gehört zu Berlin-Mitte.
Sie ist eine Territorialgemeinde mit Wohngebieten verschiedener Bebauungsphasen, in denen Menschen aller sozialen Schichten leben, vorwiegend Arbeiter und Angestellte.

Die Gemeinde hat heute 4390 Gemeindemitglieder unterschiedlicher Altersstufen. In der Gemeinde leben viele Familien mit zwei oder drei Kindern. Auch Studenten sind in der Gemeinde beheimatet.
Der Anteil der älteren Gemeindemitglieder beträgt ca. 25%.
Die Sonntagsgottesdienste werden regelmäßig von ca. 250 Kirchgängern besucht.
Etwa 150 Menschen aller Altersschichten sind in Gruppen oder Kreisen weitgehend am Gemeindeleben beteiligt.
Das Profil der Gemeinde ist seit vielen Jahren durch die Arbeit mit den Migranten gekennzeichnet.

Der Anteil ausländischer Gemeindemitglieder beträgt etwa 70%. Es sind folgende Nationalitäten vertreten: Kroaten, Philippiner, Afrikaner, Brasilianer, Portugiesen, Vietnamesen, Chinesen, einzelne Mitbürger der GUS-Staaten (Russen, Litauer, Aserbeidschaner, Kasachen, Ukrainer) sowie Polen. Letztere bilden die größte Gruppe.
Die Bevölkerung ist nicht konstant. Aufgrund des hohen Anteils junger Menschen liegt auch die Fluktuation relativ hoch. Davon sind meist junge Familien betroffen.
Erfreulicherweise gibt es andererseits immer wieder Menschen, die in das Pfarrgebiet neu zuziehen. Sie bleiben dennoch oft anonym.
Die Zahl der von der Arbeitslosigkeit betroffenen Menschen ist statistisch nicht zu ermitteln.

Zur Gemeinde gehören das Pfarrbüro, drei Jugendräume mit Teeküche, ein Gemeindesaal mit Teeküche, ein Sitzungsraum sowie die Pfarrer- und Hausmeisterwohnung.
Die drei schön begrünten Höfe sind gut geeignet für die Feier der Gemeindefeste und werden auch für diesen Zweck benutzt.

Zum Pfarrgebiet gehören fünf Grundschulen, vier Oberschulen und drei Sonderschulen für Lern- und Sprachbehinderte.
Im Bereich der Pfarrgemeinde befinden sich das DRK-Krankenhaus, ein Seniorenheim, das Amtsgericht Wedding.
Seit 1994 ist in den Räumen der Gemeinde der Verein IN VIA Katholische Mädchensozialarbeit für das Erzbistum Berlin e.V. angesiedelt. Der IN VIA Jugendmigrationsdienst/Café VIA ist ein anerkannter Träger der Jugendhilfe und Jugendsozialarbeit.


Migranten in St. Petrus

Am 17. Oktober 1998 eröffnete unser Erzbischof Georg Kardinal Sterzinsky in St. Petrus einen Treffpunkt für Aussiedler aus der ehemaligen Sowjetunion und Russlanddeutsche. Der „Treffpunkt Aussiedler“ umfasste deutsche Sprachkurse, Beratungen, einen großen aktiven Seniorenchor sowie andere Aktivitäten für ältere Migranten. Für die vielen Angebote standen von Anfang an unsere Gemeinderäume und das im November 1999 neu von der Caritas eröffnete Café Bellermann zur Verfügung.
Die Aussiedlerseelsorge wurde zunächst einem jungen polnischen Pater, Augustyn Lewandowski, später einem Steyler Missionar, Pater Thomas Motzko übertragen. Aufgrund der finanziellen Sparzwänge im Erzbistum wurde diese Stelle leider gestrichen und die Aussiedlerseelsorge an den Gemeindepfarrer übergeben.
Pfarrer Ganswindt pflegte von Anfang an gute Kontakte zu den Menschen und nach dem Ausscheiden von Pater Thomas Motzko, beauftragte ihn der Bischof im November 2003 mit dieser Aufgabe. Auch der Gemeindereferentin, Maria Chojnacka, wurde im August 2004 durch den Bischofsvikar ein Auftrag zur Mitarbeit in der Aussiedlerseelsorge erteilt.
In den vielen Jahren ist der „Treffpunkt Aussiedler“ zu einem wichtigen Ort der Begegnung für viele Migranten geworden. Bereits seit 1999 wird einmal im Jahr mit dem Erzbischof ein besonderer Gottesdienst für Migranten, Aussiedler und Russlanddeutsche gefeiert. Der Gottesdienst mit Besuchern unterschiedlicher Nationen und Altersgruppen wird durch die Vielfalt musikalisch gestaltet: Chorgesänge, Akkordeonklänge, Gabenprozession auf afrikanische Weise, Darbringen der Blumen zum Altar in philippinischem Volkstanz usw.
Die anschließende kulinarische Begegnung bei internationalen Gerichten ermöglicht den Austausch und schenkt gegenseitige Freude.

Bedingt durch die Lage im Weddinger Kiez hat St. Petrus ein multikulturelles Gesicht. Es sind in der Gemeinde 20 Nationen vertreten, die versuchen miteinander das Gemeindeleben zu gestalten und das Verständnis füreinander zu wecken.
Die Diakonie (Caritas) ist neben der Verkündigung des Wortes Gottes und der Liturgie, der gottesdienstlichen Feier, einer der Grundvollzüge der Kirche, in dem sich das Heilswirken Jesu Christi entfaltet.
Sie wird nach dem neutestamentlichen Verständnis als Dienst für Gott und den Menschen bezeichnet.
Der diakonische Ansatz gründet in der Liebe. Jesus lebte uns diese Liebe vor und machte sie unter den Menschen sichtbar und erfahrbar. Er gab uns ein Gebot: „Liebt einander! Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben.“ (Joh 13,34)
Der Apostel Paulus bezeichnet in seinem Brief an die junge Gemeinde in Korinth die Liebe als einen Weg, der alles übersteigt und über andere Wege hinausgeht (vgl. 1 Kor 12,31b ff).
Er sagt weiter, dass die Liebe das Größte und das einzig Bleibende ist (vgl. 1 Kor 13, 8-13). Diese theologischen Aussagen sind für uns Christen eine Herausforderung.
Die Liebe und der Glaube sind es, die den Menschen zum Dienst am Nächsten befähigen. Das ist der Maßstab für alles christliche Handeln. Die pastorale Arbeit baut auf diesem Grundsatz auf und soll alles daran setzen, das Bemühen um das Wachstum in diesen Tugenden zu unterstützen.
Die St.-Petrus-Gemeinde kann mit großer Dankbarkeit an all die Menschen denken, die Gott ihr auf ihrem Glaubensweg anvertraut hat. Durch ihre Bereitschaft zur Nächstenliebe durften in Not, Zweifel und Krankheit geratene Menschen erfahren, dass sie nicht ohne Hoffnung leben mussten.

Maria Chojnacka,
Gemeindereferentin